„Es wirkt eher wie ein Schritt zurück“
- lea42502
- 30. Juni
- 5 Min. Lesezeit
Als Frau mit Behinderung benötigt Lea Voitel eine persönliche Assistenz. Wie blickt sie auf die Debatte um Kürzungen bei der Eingliederungshilfe?
Geschrieben von Davon Eich für Berliner Morgenpost, Nr. 159, 15. Juni 2026
Berlin. Gerade als das Gespräch anfängt, etwas zu locker zu fließen, übernimmt Lea Voitel die Regie:
„Jetzt stell mal deine Fragen, sonst quatschen wir hier noch den ganzen Nachmittag“, sagt sie. Dabei ist sie nicht unfreundlich, im Gegenteil. Sie lächelt und nickt mir aufmunternd
zu.
Voitel ist 29 Jahre alt, lebt in Potsdam und arbeitet unter anderem als Sozialarbeiterin und
Peer-Beraterin in der Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB), einer Beratungsstelle für Menschen mit Behinderung und deren Angehörige. Viele der Fragen,
mit denen sie beruflich konfrontiert ist, kennt sie aus erster Hand, besonders die, wie ein selbstbestimmtes Leben möglich ist, wenn man dazu Unterstützung braucht.
Wir sitzen im Garten von Voitels Wohnung. Sie trinkt einen Chai Latte. Ob sie mir auch etwas anbieten kann, fragt sie. Ich entscheide mich für einen Kaffee. „Könntest du uns einen machen?“, fragt sie ihren Assistenten. Er nickt und verschwindet. Im Wohn- und Arbeitszimmer hinter Voitel stehen eine Couch, ein paar Regale, weiter vorn ein Schreibtisch. MacBook und Apple Display stehen leicht schräg zueinander darauf, ein
iPhone liegt in der Mitte neben einigen Kabeln, hier und da Stifte, Tesafilm, lose Blätter. „Ich lege Wert auf gutes Equipment an meinem Arbeitsplatz“, sagt Voitel. „Ich verbringe ja einen Großteil des Tages daran.“
Im Alltag ist sie ständig auf Unterstützung angewiesen
Ich frage, wo sie im Alltag Unterstützung braucht. „Am Morgen, bis ich im Rollstuhl sitze, bei fast allem“, antwortet sie. Und fügt nach kurzer Pause hinzu: „Also Umsetzen, Waschen, Anziehen. Ich kann selbst essen, aber meine Assistent: innen müssen das Essen machen und für mich schneiden. Tagsüber gehen sie unter anderem einkaufen und begleiten mich auf
die Arbeit und zu Terminen.“ Zwar kann sich Voitel mit ihrem Elektrorollstuhl prinzipiell alleine fortbewegen, trotzdem könnte sie gerade längere Strecken ohne Unterstützung
kaum bewältigen. „Wenn ich beispielsweise auf die Toilette muss, bin ich alleine aufgeschmissen“, sagt sie. „Genauso, wenn mir unterwegs das Handy runterfällt.
Dann müsste ich ohne Assistenz warten, bis jemand vorbeikommt, und die Person dann fragen, ob sie es mir aufhebt. Aber kann halt auch sein, dass die dann mit meinem Handy wegrennt.“ Bund, Länder und Kommunen diskutieren derzeit Sparmaßnahmen bei der Eingliederungshilfe. Für Lea Voitel geht es dabei ganz konkret um die Frage, ob sie auf manche Strecken verzichten oder häufiger um Hilfe bitten muss. Denn um ihren Alltag frei gestalten zu können, hat Voitel die sogenannte „Persönliche Assistenz“. Es kommen Menschen zu ihr nach Hause und unterstützen sie bei allem, was sie braucht. Anders als in vielen Einrichtungen wird Voitel etwa auch auf die Arbeit begleitet. Finanziert wird die Persönliche Assistenz häufig über die Eingliederungshilfe. In Berlin hat das Konzept eine besondere Tradition: Hier haben Menschen mit Behinderung die Persönliche Assistenz in den 1980er- und 1990er-Jahren erkämpft und mitgestaltet. Maßgeblich daran beteiligt war der Assistenzdienst ambulante dienste e. V. (AD), bei dem Voitel Klientin ist. „Als ich 2019 in Potsdam in meine eigene Wohnung gezogen bin, gab es hier keine adäquaten Assistenzdienste“, erklärt sie. „Daher habe ich mich für AD entschieden.“ Während wir reden, bringt Voitels Assistent den Kaffee. „Würdest du die Tür hinter dir schließen?“, fragt sie, als er die Tasse vor mir auf den Tisch gestellt hat. „Klar“, antwortet er. Lea Voitel wartet, bis die Tür ganz zu ist, bevor sie weitererzählt: „Als ich hier eingezogen bin, musste ich die Assistenz von null an organisieren. Bis alles eingerichtet war, hat es zweieinhalb Jahre gedauert. Ich hatte zwar schon Assistenz in der Zeit, musste aber bei meinem Amt noch einmal in Widerspruch gehen. Der Assistenzdienst ist hier quasi in Vorlage gegangen. Es musste alles sehr schnell gehen, da ich bereits einen Arbeitsvertrag unterschrieben hatte.“ Das Sozialamt hatte Voitels Bedarf damals nicht vollständig anerkannt. „Persönliche Assistenz bekommen leider nicht alle, die sie haben wollen“, erklärt Kim Lippe, Vorstandsmitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft Persönliches Budget und Justiziar:in bei AD. „Es gibt bestimmte Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen. So müssen Betroffene ihre Assistent:innen anleiten können. Menschen mit starker kognitiver Beeinträchtigung wird diese Kompetenz beispielsweise oft abgesprochen.“ Nicht selten müssen dann Gerichte über den Bedarf entscheiden und das dauert mitunter lange. „In erster Instanz sind zwischen drei und fünf Jahre Verfahrensdauer nicht ungewöhnlich, wenn man noch in Berufung geht, kann es schon auch mal sieben Jahre dauern“, sagt Lippe. „Ich habe ein Verfahren, das läuft inzwischen auf die neunte einstweilige Anordnung hinaus.“

Das Sozialamt wollte ihr die Assistenz kündigen
Voitel kommt aus Sachsen-Anhalt und hat dort ihre Persönliche Assistenz beantragt. 2020 wollte das Sozialamt sie ihr kündigen und die Zuständigkeit nach Potsdam verschieben. Voitel widersprach und setzte sich durch. „Das war damals eine turbulente Zeit“, berichtet sie. „Wenn du dir überlegst, dein ganzes Leben, das du dir aufgebaut hast, fällt auf einmal zusammen.“ Trotzdem hat sie Verständnis für die regelmäßigen Überprüfungen der Ämter. „Auf der einen Seite habe ich ein sehr hohes Budget und kann daher schon nachvollziehen, dass man hin und wieder guckt, was mit dem Geld passiert. Auf der anderen Seite muss ich aber auch sagen: Die Leute, die den Bedarf ermitteln, verstehen oft gar nicht, wie mein Leben funktioniert. Die meisten geben sich Mühe, aber das Verständnis ist trotzdem oft nicht umfassend genug.“ Ihren Klientinnen und Klienten rate sie, bei Überprüfungen immer eine Vertrauensperson dabeizuhaben, so Voitel. Die könne darauf achten, dass es keine Missverständnisse gibt. In der Debatte um Sparmaßnahmen bei der Eingliederungshilfe kritisieren Sozialverbände viele bereits bekannt gewordene Vorschläge, etwa Pauschalierung oder die Begrenzung des Wunsch- und Wahlrechts. Aktuell gilt etwas verkürzt formuliert, dass Menschen mit Behinderung das Recht haben zu wählen, ob sie in einer eigenen Wohnung oder in einer Einrichtung wohnen wollen. Kritiker befürchten, dass dieses Recht nun aufgeweicht werden könnte. Für Lea Voitel könnte das im Extremfall bedeuten, dass die Frage, ob sie in ihrer eigenen Wohnung leben kann, in Zukunft stärker davon abhängt, wie teuer es ist.
Mehr als 180.000 Menschen unterstützen eine Petition
„Was aus der Debatte zur Eingliederungshilfe bekannt ist, wirkt eher wie ein Schritt zurück“, sagt Kim Lippe. In einer Petition mit dem Titel „Inklusion und Teilhabe – Keine Kürzungen der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung“ fordern mehrere Sozialverbände daher unter anderem, „das Recht der Eingliederungshilfe so weiterzuentwickeln, dass Inklusion gestärkt und nicht durch Sparmaßnahmen gefährdet wird“. Mehr als 180.000 Unterstützer:innen haben die Petition bereits unterschrieben, darunter auch Lea Voitel. Am 8. Juni hat sich der Petitionsausschuss des Bundestages damit befasst. Ob ihr die Debatte um Sparmaßnahmen Sorge bereite, frage ich Voitel. Sie überlegt kurz, dann antwortet sie: „Ich bin ja grundsätzlich recht ausgeglichen, deswegen denke ich mir: Wird schon alles werden. Außerdem: Wo sollen wir denn stattdessen hin? Die Wohnheime sind ja auch alle voll. Ich denke jedenfalls, man sollte auf keinen Fall bei Menschen mit Behinderung beziehungsweise allgemein bei Menschen sparen.“ Nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu: „Es geht für uns nicht um Komfort. Ich kann mal darauf verzichten, ins Kino zu gehen, aber wenn ich auf die Toilette muss, kann ich nicht 20 Minuten warten.“

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